08.10.2010

NRW will Angst vor Studium nehmen

Interview mit der Westfälischen Rundschau
NRW will Angst vor Studium nehmen -
Wissenschaftsministerin Svenja Schulze appelliert im Interview mit der WR an kluge Köpfe: "Geht studieren"


Frau Schulze, sind die jungen Leute in NRW Studiermuffel?
Unsere Übergangsquote von der Schule zur Hochschule ist bundesweit die schlechteste. NRW ist Schlusslicht. Das darf nicht so bleiben. Wir müssen mehr junge Leute fürs Studium gewinnen.

Sie sagen, die Studiengebühren schrecken ab.
Gerade bei nicht akademischen Familien sagen 73 Prozent der Kinder, dass die Studiengebühren der Hauptgrund dafür sind, dass sie nicht studieren. Das ist ein riesiges Problem. Mit den Studiengebühren ist es nicht getan, da kommen die Wohnung, Bücher und die Lebenshaltung hinzu.

Dennoch steigen die Studierendenzahlen seit Jahren. Platzen die Universitäten nicht bald aus allen Nähten?
Nein, wir müssen die Menschen an die Hochschulen bringen. Die Berufsberater sagen inzwischen oft: Mach mal erst eine Ausbildung. Das ist falsch, denn sich danach noch fürs Studium zu entscheiden, ist viel schwieriger. Vor allem bei Migranten und jungen Frauen gibt es viele kluge Köpfe, die nicht den Weg an die Hochschulen finden Deshalb mein Appell: Geht studieren!

Wie erklären Sie sich, dass die Angst vor dem Studium in NRW größer als anderswo ist?
Die Abschreckung durch die Studiengebühren hat hier noch stärker gewirkt. Das hat mit unserer spezifischen Situation in NRW zu tun, die Menschen hier sind bodenständiger. Aber gerade hier müssen wir möglichst viele möglichst gut ausgebildete Menschen haben. Der Fachkräftemangel zeichnet sich schon ab.

Erst kommt noch der doppelte Abiturjahrgang.
Darauf bereiten wir uns vor. Aber danach gehen die Schülerzahlen zurück. Wir müssen die Quote steigern, um den Stand an den Universitäten zu halten.

Das Bildungsideal hat sich gewandelt. Die Eltern sagen nicht mehr: Mein Kind soll es einmal besser haben. Liegen da Versäumnisse der Politik vor?
Es stimmt, das Aufstiegsversprechen ist nicht mehr so selbstverständlich. Wir reden zu viel über Kosten und Hürden, zu wenig über die Chancen. Jeder, den wir bis zum Studium bringen, bringt der Gesellschaft rund 155000 Euro, denn er ist seltener arbeitslos und zahlt höhere Steuern. Wir haben also auch als Gesamtgesellschaft etwas davon, wenn wir in diesen Bereich investieren. Wir müssen wieder Aufstieg durch Bildung möglich machen.

Woher kommt diese Schieflage in der Wahrnehmung?
Die Diskussion der letzten fünf Jahre ging in die falsche Richtung. Hochschulen wurden zunehmend als Wirtschaftsunternehmen betrachtet, wer Geld hat, geht dahin, die anderen sollen sehen, wo sie bleiben.

Es beginnt mit dem Turboabitur, dann folgen die verschulten Studiengänge: Geht es bei Bildung nur darum, fit zu machen für den Beruf?
Das ist nicht mein Ansatz. Ich will nicht nur mit Blick auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit hin ausbilden. Wichtig ist das Grundvertrauen, dass das Studium die Menschen weiterbringt.

Junge Leute empfinden Lernen als Stress.
Ja, das ist alles dichter geworden. Das hat auch mit dem falsch angepackten Turboabitur zu tun. Ich halte es für falsch, nur über Druck und Geschwindigkeit zu diskutieren. Lernen braucht Zeit, auch an der Hochschule. Für die großen Zukunftsfragen, Klimawandel, Energie, erwarten wir Antworten von den Hochschulen. Dafür brauchen die auch einen gewissen Freiraum.

Aber der fehlt oft im Studium.
Das hat mit der Umsetzung von Bologna zu tun. Das muss nicht so sein. Wir wollen das Studium wieder studierbarer machen.

Wollen Sie in die Freiheit der Hochschulen eingreifen?
Nein, es geht nicht um die Detailsteuerung. Wir wollen, dass die Hochschulen autonom sind und viele Dinge selbst entscheiden können. Mir geht es um Leitplanken, das Land soll auch wieder Verantwortung übernehmen. Im Landeshaushalt stehen vier Milliarden Euro für unsere Hochschulen, da muss man genauer hingucken, was damit gemacht wird.

Wie konkret sehen Ihre Pläne aus?
Bei Bologna denke ich an eine Konferenz, die alle Beteiligten an einen Tisch holt. Wir wollen sehen, wo wir stehen und was wir verändern können. Wir brauchen da mehr Dialog.

Die Technischen Universitäten wollen den Diplom-Titel wiederbeleben. Was halten Sie davon?
Das Anliegen wird als Angriff auf Bologna empfunden; es gibt keinen Bedarf, das ganze Konstrukt wieder aufzubrechen. Niemand wird Bologna zurückdrehen wollen. Wir müssen bei der Grundstruktur Bachelor und Master bleiben.

Ist es nicht vernünftig, den international guten Ruf des Diplom-Ingenieurs zu erhalten?
Der sehr gute Ruf gilt der Art der Ausbildung, unsere Ingenieure sind viel besser ausgebildet im internationalen Vergleich. Das „Made in Germany“ zählt, und das bleibt ja. Die gute Ausbildung hat Weltklasse, die Qualität ist das Entscheidende.

erschienen am 7.10.2010 in der Westfälischen Rundschau




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