29.11.2010

"Wir müssen die Neugier wieder wecken"

Interview des Westfalen-Blatts mit Ministerin Svenja Schulze


Frau Ministerin, vor 20 Jahren waren Sie Asta-Vorsitzende an der Universität Bochum. Welche Erkenntnisse von damals haben Sie in das heutige Amt mitgenommen?
Was geblieben ist, ist die Frage der Qualität der Lehre, also der Studienbedingengen. Das hat mich damals als Studierende interessiert, und das ist auch heute ein großes Thema. Wie können wir das Studium so organisieren, dass es gut studierbar ist? Wie können wir Hürden abbauen? Das sind entscheidende Fragen. Denn leider haben wir ja in Nordrhein-Westfalen eine schlechte Quote, was den Übergang von der Schule zur Hochschule anbetrifft. Bundesweit gehen im ersten Schritt etwa 36 Prozent nach der Schule an die Hochschule, in NRW sind es nur 30 Prozent.

Hätten Sie denn Lust, heute noch mal ein Studium zu beginnen, wenn Sie gerade frisch ihr Abitur gemacht hätten?
Das Studium ist immer etwas Tolles. Wenn man neugierig ist, dann gewinnt man in dieser Zeit so viele Eindrücke und nimmt etwas mit fürs Leben.

Aber die Verhältnisse haben sich seither nicht gebessert.
Es hat sich vieles geändert an den Hochschulen. Wir haben jetzt – noch - Studiengebühren. Das wäre für mich damals ein Ausschlusskriterium gewesen. Meine Eltern hätten das sicherlich nicht bezahlen können. Sie lagen knapp über der Bafög-Grenze, und für mich wäre ein Studium mit Kosten von 1000 Euro im Jahr – damals 2000 Mark – gar nicht möglich gewesen. Deswegen ist es mir auch persönlich ein Anliegen, dass wir die Studiengebühren abschaffen. Wir müssen die Hürden abbauen und mehr Leute an die Hochschulen bekommen.

Warum dann erst in einem Jahr?
Das Gesetz ist eingebracht und das Parlament muss beraten. Das tut es jetzt, und wir werden wahrscheinlich im Februar das Gesetz verabschiedet haben. Dann hat die Einschreibung für das Sommersemester schon begonnen. Das Wintersemester ist also das nächste, das wir mit der Änderung erreichen können. Außerdem wollen wir sicherstellen, dass die Hochschulen das Geld behalten..

Wie wollen Sie das bewerkstelligen?
Über den Haushalt. Deshalb ist es mir auch so wichtig, dass wir das Gesetz verabschieden, das Geld in den Haushalt schreiben und es in der mittelfristigen Finanzplanung haben. Nur so können wir sicherstellen, dass wir die Mittel für die Hochschulen auch nachhaltig kompensieren und die Gebühren langfristig sicher abschaffen..

250 Millionen Euro im Jahr sollen es sein.
Unser Gesetz sieht 249 Millionen Euro pro Jahr vor – genau die Summe, die die Hochschulen aus Studiengebühren erhalten haben und mit dem sie zum Beispiel die bessere Betreuung der Studierenden oder verlängerte Öffnungszeiten der Bibliotheken bezahlt haben.
Wir sind der Überzeugung, dass Bildung von der Kita bis zur Hochschule für alle gebührenfrei sein muss. Wenn alles gut geht, werden wir als ersten Schritt zum 1. August 2011 die Kindergartengebühren abgeschaffen und zum 1. Oktober die Studiengebühren.

Wodurch glauben Sie, mehr junge Leute für ein Studium gewinnen zu können?
Wir müssen die vorhandenen Potenziale besser nutzen. Es gibt viele junge Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund, die haben Abitur und sind gut gebildet, wagen aber nicht den Schritt in die Uni. Das heißt, wir müssen werben für das Studium und Hürden abbauen. Die Angebote, die dabei helfen, in ein Studium hinein zu kommen, die wollen wir ausbauen.

Sie haben eine Zahl von 90.000 Studienplätzen genannt, die Sie zusätzlich schaffen wollen.
2013 kommt der doppelter Abiturjahrgang auf uns zu. Diese jungen Leute müssen die gleiche Chance auf einen Studienplatz bekommen wie andere vor ihnen. Für diese Phase werden wir in Nordrhein-Westfalen flächendeckend Kapazitäten im Umfang von knapp 90.000 Plätzen zusätzlich aufbauen. Das ist so mit den Universitäten und Fachhochschulen vereinbart.

Sind das temporäre Studienplätze, die man nach ein paar Jahren wieder abbauen kann?
Wir rechnen damit, dass die Zahlen nach 2017 langsam wieder herunter gehen. Deshalb wollen wir jetzt mit Initiativen starten, mehr beruflich qualifizierte Menschen an die Hochschulen zu bekommen. Wir haben sie schon geöffnet für Menschen ohne Abitur mit beruflicher Qualifikation. Wenn wir uns ansehen, dass die einzige Einrichtung in NRW, die ein Teilzeit- und Fernstudium zulässt, die Fern-Uni Hagen, einen riesigen Zulauf hat, erkennen wir, dass es einen großen Bedarf gibt

Zusätzlich bereitet Ihnen der Verteidigungsminister mit der Abschaffung der Wehrpflicht noch Kopfschmerzen?
Absolut.. Wir haben gerade in der Wissenschaftsministerkonferenz die Frage gestellt, was jetzt von der Bundesregierung an Unterstützung für die Länder kommt. Wenn sie wirklich schnell den Wehrdienst abschaffen will, dann haben wir auf einen Schlag die ganzen Wehrdienst- und Zivildienstpflichtigen, die in die Ausbildungsberufe und in die Hochschulen drängen werden. Wir müssen aber eine Chance haben, uns darauf einzustellen. Wenn der Bund dadurch Geld spart, dass er den Wehrdienst abschafft, dann ist es für mich selbstverständlich, dass er dieses eingesparte Geld dort einsetzt, wo wir es benötigen: bei Studien- und Ausbildungsplätzen. Aber da macht sich die Bundesregierung derzeit einen schlanken Fuß.

Wollen Sie, dass sich Bund und Länder die Kosten teilen?
Nein, der Bund muss sie vor allem tragen! Wenn der Bund uns kurzfristig eine solche Aufgabe aufhalst, dann muss er auch das Geld dafür aufbringen. Das kann überhaupt nicht anders sein.

Für den Ausbau der Hochschulen benötigen Sie nicht nur Räume, sondern auch Personal. Wollen Sie die zusätzlichen Dozenten dauerhaft einstellen?
Wir müssen da durchaus in längeren Zeiträumen denken. Altersbedingt scheiden in den nächsten Jahren viele Professoren in NRW aus dem Dienst aus. Wenn die Hochschulen jetzt einige hinzu holen, heißt das nicht, dass sie sie in ein paar Jahren wieder entlassen müssen.

Es wird darüber geklagt, dass zu wenige Abiturienten ein Studium der Natur- und Ingenieurwissenschaften beginnen. Wie kann die Landesregierung da steuernd eingreifen?
Wir tun ja viel. Wir haben zum Beispiel die Schülerlabore vor Ort – auch hier in der Region. Das ist nur eine Initiative, um junge Menschen an Technik heran zu führen. Kinder haben noch sehr viel Spaß am Experimentieren. Sie sind sehr neugierig. Im Verlaufe ihrer Schulkarriere verlieren sie oft die Begeisterung für die technischen Fächer. Das heißt: Wir müssen diese Neugier wieder wecken und dafür sorgen, dass Schülerinnen und Schüler neugierig bleiben.

Wird an unseren Hochschulen nicht zu oft das Falsche studiert?
Nein, wir brauchen auch Geisteswissenschaftler und Sozialwissenschaftler.

Auch mehr Lehrer?
Ja klar! Für diese Fächer finden sich aber genügend Interessierte. Bei den Naturwissenschaften ist das immer schwierig. Die Fächer gelten eben als sehr schwer und kompliziert. Aber die Berufsaussichten sind sehr gut. Dies wollen wir deutlich machen. Wir müssen dabei natürlich die regionale Wirtschaft mit ins Boot nehmen. Die Wirtschaft muss für diese Berufe werben und Schüler in die Betriebe holen. Es ist ein mühsamer Weg, aber ich bin mir sicher, dass es uns gelingt, die jungen Leute zu begeistern.

Sind die Hochschulen mit der Umstellung auf die Bachelor-Studiengänge auf dem richtigen Weg oder zeichnet sich nicht doch ab, dass man vielleicht zu viel gewollt hat?
Die Grundphilosophie von Bologna ist richtig. Wir wollen, dass junge Menschen heute verstärkt auch ins Ausland gehen und ihre dortigen Erfahrungen zurück nach NRW bringen. Wir wollen aber auch die hohe Zahl von Studienabbrechern senken. Wir achten darauf, was die Studierenden sagen. Die DGB-Jugend hat kürzlich eine Umfrage unter Studierenden gemacht, was sie an ihrem Studium verändern würden. Das Ergebnis ist ungeheuer interessant.

Was wurde bemängelt?
Genannt wurden immer wieder die Studiengebühren, zu dichte Prüfungsphasen und die Art und Weise, wie das Studium aufgebaut ist. Ein Student wünschte sich wieder mehr Freiräume, eine Studentin hat geschrieben, dass die Prüfungen oft so kurz hintereinander lägen, dass sie den Lehrstoff förmlich in sich hinein fressen muss, nur um ihn nach der jeweiligen Prüfung wieder auszusondern. Sie nannte das Bulimie-Lernen.

Das klingt nach Therapiebedarf.
Deswegen werden wir Anfang des nächsten Jahres zu einer Bologna-Statuskonferenz einladen. Wir wollen die Umsetzung noch einmal mit allen Beteiligten an den Hochschulen diskutieren. Danach können wir uns die Schritte überlegen, die dazu führen, das Studium studierbarer zu machen.

Die Universität Paderborn möchte teilhaben an der Ausbildung von Islam-Lehrern. Denkt die Landesregierung hier an eine Ausweitung?
Bundesbildungsministerin Frau Schavan hat vier bis fünf Standorte ausgeschrieben, an denen die Islam-Ausbildung in Deutschland stattfinden kann. Münster hat hier gemeinsam mit Osnabrück das Rennen um die Ausbildung von islamischen Religionslehrern gemacht. Wir sind sehr stolz, dass es gelungen ist, einen dieser Standorte nach Nordrhein-Westfalen zu holen. Dass wir darüber hinaus noch etwas tun müssen, ist aber auch klar. Wir brauchen Lehrerinnen und Lehrer für den Islam-Unterricht, die hier ausgebildet werden, die deutsche Kultur kennen und die deutsche Sprache beherrschen.

Es gibt Stimmen, die derzeit dazu raten, wegen des bevorstehenden doppelten Abiturjahrgangs nicht zu studieren.
Mein Appell heißt: Geht studieren! Das ist mir ein Herzensanliegen. Es lohnt sich, jetzt zu studieren. Es muss sich niemand wegen des Doppeljahrgangs Sorgen machen. Wir kriegen das hin! Wir brauchen die jungen Leute an den Hochschulen, weil wir gut ausgebildete Fachkräfte benötigen. Deswegen bin ich über die derzeitige abwartende Stimmung ein wenig besorgt. Der Appell an alle Schülerinnen und Schüler ist ganz klar: Geht studieren!



Das Interview erschien am 27.11.2010 im Westfalenblatt. Die Fragen stellte Manfred Stienecke








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