29.07.2011

"Abenteuer Alltag": Ministerin Svenja Schulze malocht in der Backstube

Normalerweise arbeitet Svenja Schulze in Düsseldorf als Landesministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung. Doch in der Nacht zu Freitag knetete sie stundenlang Teig und schwitzte am Backofen. Die Politikerin absolvierte ein Ein-Tages-Praktikum in einer Vollkornbäckerei - "Abenteuer Alltag" nennt sie das. Wir haben sie bei ihrer anstrengenden Schicht begleitet.

Kurz vor Mitternacht an der Bremer Straße 56. Parkplatz der Vollkornbäckerei Cibaria. Die Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, die münstersche Landtagsabgeordnete der SPD, Svenja Schulze fährt vor. Ganz allein. Mit dem Fahrrad. Mit Helm.

Fast übersieht sie die Sperrkette, aber sie kriegt noch die Kurve. Sie tritt ein Praktikum an – eine Nacht in der Back-stube. Echte Maloche. Es geht nicht, wie man aus alter Jungsozialisten-Tradition unterstellen könnte, um ein Zeichen der „Solidarität mit der werktätigen Bevölkerung“. Sie will vielmehr ganz „normalen Alltag mitkriegen“ und selbst erfahren: „Wie ist das, wenn man nachts arbeiten muss?“

Teig an den Fingern

Als Politiker sei man immer in der Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren. Und „wie die Leute hier leben und arbeiten bekomme ich nicht in Düsseldorf mit“ und auch nicht in der Sprechstunde als Abgeordnete. Bäckermeisterin Ute Kaulitz begrüßt die Praktikantin und warnt: „Ich hab noch ein bisschen Teig an den Fingern!“ Den wird Frau Ministerin auch bald haben.

Denn sie soll, sagt Ute Kaulitz, die auch Ausbildungsleiterin ist, „am Tisch Brote aufarbeiten, rund machen, lang machen und in Saaten wälzen.“ Als Erstes ist das Paderborner dran. Svenja Schulze muss den Teig einschlagen, rollen, in Mehl wälzen, in eine Form geben.

Kneten in der Hitze

Null Uhr zwanzig. Es ist erst 30 Grad warm. Die Hitze kommt noch. 35 bis 36 Grad sollen es wohl werden. Der Praktikantin ist schon jetzt heiß. Man sieht es. Mohn, Sesam, Sonnenblumenkerne, Leinsamen und Buchweizen sind die Zutaten für die „Fünf-Saat-Brote“.

Ute und Svenja sind längst beim „Arbeits-Du“. Ute zu Svenja: „Du ziehst den Teig hier hoch, dann wieder runter, und dann wieder diese runde Bewegung!“ Die Praktikantin stellt sich geschickt an. Die Bäckermeisterin jubelt: „Ja, ja, ja! Es wird!“

Durcharbeiten bis zum Morgen

Die gefüllten Formen werden auf große Bretter gestellt, die Bretter auf einen Wagen gehievt. Der Wagen ist fast zwei Meter hoch, Svenja Schulze misst 1,68. Sie muss sich ganz schön strecken. Vor dem Backen kommen die Brote in den Gärschrank. Bei 70 % Luftfeuchtigkeit und 35 Grad Wärme sollen sie ordentlich aufgehen.

Am Morgen haben alle durchgearbeitet. Pausen haben sie nicht auf die Reihe gekriegt. Freitag früh sechs Uhr. Presse, Funk und Fernsehen sind da.

Ministerin ist „käsestangenabhängig“

Rike Kappler, Inhaberin von Cibaria bittet zum Frühstück und dankt der Ministerin für den Besuch. Diese lobt das Unternehmen, sagt „Ich mag die Sachen so gerne“ und bekennt sich als „käsestangenabhängig“. Sie weiß jetzt auch, wie viel Arbeit in so einer Käsestange steckt. Schließlich hat sie selbst welche gedreht.

Weiß sie nach der Schicht auch, wie viel eine Bäckermeisterin verdient? Nein, das war nicht das Thema. Auch Ministergehälter wurden nicht diskutiert. Ute Kaulitz meint, einen Porsche könne sie sich nicht davon leisten. Den brauche sie aber auch nicht. Von ihrem Geld könne sie leben. Das Problem seien eher die Arbeitszeiten.

Luxus Ausschlafen

Sie teile ihren Urlaub so ein, dass sie mal richtig ausschlafen, richtig Luft holen, sich richtig erholen könne.
Rike Kappler erklärt, es sei schon schwierig Auszubildende zu finden. Die Nachtarbeit und die reguläre Samstagsarbeit seien nicht attraktiv.

Svenja Schulze nennt ihre Praktika „Abenteuer Alltag“. Sie war unter anderem schon mit der Polizei unterwegs, hat im Blumengeschäft ausgeholfen, bei Sport & Moden Klamotten verkauft und einen guten Umsatz gemacht. Bademoden waren auch dabei, und die Erkenntnis: „Ich habe keine Frau kennen gelernt, die nicht Probleme hatte mit ihrer Figur.“ Das „Abenteuer Alltag“ geht weiter: Am Samstag steht Frau Ministerin auf dem Wochenmarkt am Dom.

Herr Dietrich Backmann, Münstersche Zeitung.de - 29.07.2011





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