16.11.2014

Rede von Svenja Schulze anlässlich des Volkstrauertags

16. November 2014
Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Krieg und Gewalt folgen vielfach gleichen Mustern:
Eine Gemeinschaft von Menschen wird für obsolet erklärt und gedanklich aufgelöst. Menschen werden kategorisiert in „Wir“ und „die Anderen“. Merkmale werden gegeneinander gestellt. Das können Religion, Ethnie, sexuelle Orientierung, Hautfarbe etc. sein. „Die Anderen“ und ihre Merkmale werden abgewertet, sie werden als Gruppe zu Feinden erklärt, die danach streben, die eigene Gruppe zu bedrohen, zu zersetzen, zu vernichten. Gewalt gegen sie wird nicht nur plausibel. Sie erscheint gerecht und alternativlos. Der Mensch im Anderen verschwindet, er wird zum Feind, der alles zuspitzt auf die Frage: Er oder ich.

Wir sind im vergangenen Jahrhundert in Europa diesem Muster vielfach gefolgt. Es hat millionenfach Menschen zu Opfern von Gewalt und Krieg gemacht. Ihrer gedenken wir heute am Volkstrauertag in Münster.

Meine Damen und Herren, der Erste Weltkrieg jährt sich 2014 zum einhundertsten Mal. In zahlreichen Veranstaltungen, Ausstellungen, filmischen Dokumentationen, Lebensberichten und Diskussionen ist er in das Gedächtnis uns Nachgeborener geholt worden. Er steht auch im Mittelpunkt des diesjährigen Volkstrauertages.

Es war der erste industrielle Massenkrieg der Menschheitsgeschichte. Was an Massenvernichtungsmitteln zur Verfügung stand, wurde eingesetzt. Die ganze Gesellschaft war Teil des Krieges, an der Front und an der sogenannten Heimatfront. In Europa. Und in der ganzen Welt.

100 Jahre danach sind die Bilder von Schlachtfeldern, von zerstörten Städten, von Schützengräben, vom Gaskrieg, von Verstümmelten, von erstarrten Leichen, von Dreck und Tod und Leid präsent wie nie.

Vor genau hundert Jahren, am 10.11.1914, fand im belgischen Langemarck bei Ypern eine Schlacht statt, bei der hunderte Kriegsfreiwillige in den Tod geschickt wurden. In einem sinnlosen Angriff wurden junge Männer regelrecht verheizt. Nicht nur, dass eine unverantwortliche Militärführung solche Befehle gab, hinterher strickte man fleißig an einer Legende: Mit dem Deutschlandlied auf den Lippen seien die Freiwilligen gestorben. Nationalistische Intellektuelle und die Militärführung predigten den Hass auf andere Nationen und konstruierten Propagandabilder, um weitere junge Menschen in den Tod schicken zu können. Mit den damaligen medialen Mitteln bestens inszeniert, erinnern wir uns an Zugwaggons, auf die Rekruten höhnische Sprüche gegen den Russen oder den Franzosen oder den Engländer gekritzelt haben.

Und beklommen denken wir heute daran, wie heute junge Menschen mit buchstäblich wehenden Fahnen und in sozialen Medien inszeniert in den Heiligen Krieg ziehen.
Wir wissen heute, dank intensiver geschichtlicher Forschung, dass Kriege nicht einfach ausbrechen, nicht einfach passieren, sondern vorbereitet werden, eine Vorgeschichte haben, es Profiteure gibt, Menschen propagandistisch vorbereitet und gewonnen werden, Skeptiker und Mahner verspottet und systematisch an den Rand gedrängt werden, dass hinter den Opfern Täter stehen.

Kriege beginnen nicht schlafend. Kriege beginnen Menschen mit wachem Auge und aus Kalkül heraus.

Meine Damen und Herren, die Opfer der Kriege und der Gewalt, derer wir heute gedenken, mahnen uns. Sie mahnen uns, an die immer gleichen Muster zu denken, die Kriege und Gewalt erzeugen. Und sie mahnen uns, wenn wir auf das gesamte Jahrhundert seit 1914 blicken: Die Patina der Zivilisation ist äußerst dünn. Wir alle müssen täglich daran arbeiten, sie nicht zu beschädigen.

Dem Ersten folgte nur wenige Jahre später der Zweite Weltkrieg, noch monströser, noch grausamer, noch globaler, noch totaler und begleitet vom Holocaust, der industriell organisierten Massenvernichtung von 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens.
Noch viel umfassender als 1914 war es den deutschen Faschisten gelungen, das Muster für Krieg und Gewalt in die Köpfe der Menschen zu bringen, eifrige Helfer zu rekrutieren, die Bücher verbrannten, Synagogen zerstörten, Andersdenkende verrieten, sich aktiv an schweren Kriegsverbrechen zu beteiligen.

Das Ergebnis waren noch viel mehr Schlachtfelder, Massengräber, Zerstörung, Verstümmelung, noch viel mehr Opfer von Gewalt und Krieg und Vertreibung.


Nach 1945 wurde die Welt keineswegs friedlicher. Sie wurde nie wieder so monströs, wie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Aber der Kalte Krieg fror Konflikte ein, verlagerte die Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss auf Stellvertreter in anderen Regionen der Welt. Und fand statt im Schatten des atomaren overkills, an dessen Schwelle die Welt mehrfach stand.

Meine Damen und Herren, vor fast genau 25 Jahren haben wir alle mit dem Fall der Mauer gehofft, dass dieses blutige Jahrhundert friedlich zu ende geht, wir die Friedensdividende weltweit genießen können.

Heute müssen wir feststellen: Unsere Welt ist keineswegs friedlicher geworden.
Das Muster von Krieg und Gewalt – es hat nicht aufgehört zu wirken. Wir alle kennen die Schauplätze seither, beginnend im ehemaligen Jugoslawien, in Nachfolgestaaten der Sowjetunion, in Afghanistan, im Nahen Osten, in der Arabischen Welt, in der Ukraine. Auf dem afrikanischen Kontinent zerfallen Staaten ganz, Anarchie und Willkür entlang der Merkmale von Ethnie oder Religion bestimmen das Leben, Krieg und Gewalt sind die Folge.


Meine Damen und Herren, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat sich die Arbeit für den Frieden und die Versöhnung über den Gräbern zur Aufgabe gemacht.
Mit allergrößtem Respekt und mit Hochachtung unterstütze ich diese Arbeit. Mich beeindruckt, wie viele junge Menschen teilnehmen. Für mich ist dabei eines ganz besonders wichtig:

Indem Sie heute noch, viele Jahrzehnte nach den kriegerischen Grauen aus Funden in Ländern ehemaliger Feinde Menschen ihre Identität zurückgeben und ihnen eine individualisierte Ruhestätte ermöglichen, reichen sie als Nachgeborene über den Gräbern die Hand zum Frieden.

Indem der einzelne Mensch mit Hilfe Ihrer Arbeit wieder in den Blick kommt, entziehen Sie nachträglich dem Muster von Krieg und Gewalt den Boden. Sie kümmern sich um Grabstätten nicht von kategorisierten Massen, sondern von Menschen, von einzelnen Opfern aus Krieg und Gewalt.

Das, meine Damen und Herren, ist für mich die Bedeutung des Volkstrauertages. Er erinnert uns an die Menschen hinter all den Zahlen und historischen Abschnitten. An Menschen, die zu Opfern wurden, deren Hoffnungen auf ein gelungenes Leben jäh zerstört wurden, die in eine Maschinerie hinein gerieten, deren Logik andere kaltblütig zur Wirkung brachten.


Meine Damen und Herren, Erinnerung ist zugleich auch Mahnung. Die Toten, die Opfer von Gewalt und Krieg mahnen uns, alles zu tun, damit die Muster, die Krieg und Gewalt ermöglichen, nicht mehr greifen können.

Dies ist für mich die zweite wichtige Bedeutung des Volkstrauertages.
Wer heute wie damals darauf schaut, welche Bedingungen die Aufteilung der Menschen in Freund und Feind erleichtern, der stößt auch hier auf Muster.
Die europäischen Gesellschaften 1914 waren ungleiche Gesellschaften, inmitten der Industrialisierung; vielfach bot der Nationalismus einen Halt, der im eigenen Leben nicht gegeben war.

Der Aufstieg Hitlers war u.a. eine Folge tiefer sozialer Spannungen und einer auch von den Eliten ausgehebelten Demokratie in der Weimarer Republik. Nationalismus und Antisemitismus waren Schmiermittel für eine Gesellschaft im Umbruch, die die deutschen Faschisten für sich nutzten.

Innergesellschaftliche Gewalt gegen Andersdenkende, Fremde, Schwache ist häufig eine Reaktion auf tiefe soziale Spaltungen und Verunsicherungen. Friedlich dagegen sind die Gesellschaften, die beständig den Ausgleich suchen, die Ungleichheiten nicht zu groß werden lassen, die den demokratischen Kompromiss nicht als Ausweis der Schwäche verhöhnen, sondern als Hochamt der Demokratie verehren, die das Gemeinsame und nicht das Trennende betonen. All das sind Brandmauern gegen die Muster von Krieg und Gewalt, wie wir sie in den letzten 100 Jahren erleiden mussten.

Meine Damen und Herren, die Patina der Zivilisation ist dünn. Das wissen wir als Deutsche ganz besonders. Der Volkstrauertag, die Opfer von Gewalt und Krieg mahnen uns, jeden Tag am Schutz dieser Patina zu arbeiten, egal wo und was wir sind.
Jeder einzelne von uns kann dafür etwas tun.
Wenn wir das beherzigen, dann erhören wir an einem Tag wie heute die Mahnungen der Opfer.






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